Samstag, 12. Oktober 2013

Lieblingsplatz: Yuan Dynasty City Wall Relics Park

Erst vor kurzem habe ich meinen bisherigen Lieblingsort in Peking entdeckt. Die ehemalige Stadtmauer aus der Zeit der Yuan Dynastie liegt direkt auf der anderen Straßenseite unserer Uni. Man muss nur einen Zubringer zur Stadtautobahn überqueren aber tritt man über die Schwelle schlägt einem Ruhe und frische Luft entgegen. City Wall Relics Park hört sich allerdings leider historischer an als er tatsächlich ist. Von der City Wall ist eben noch der Graben da, ein circa 5m breiter träge fließender Fluss. Im Zuge der Stadtverschönerung vor Olympia wurde rechts und links davon ein Park wiederhergestellt. Ein Aufforstungsprogramm sollte für eine bessere Luftqualität sorgen und dem modernen und von westlichen Einflüssen geprägten Stadtteil Chaoyang einen traditionellen Touch geben. Der nicht so romantischen Geschichte zum Trotze, mag ich diesen Park so gerne. Zu jeder Tagesszeit gibt es so viel zu sehen, dass sogar ich faules Stück die ganze Strecke durchjoggen kann. Abgelenkt von meiner Unsportlichkeit, sprinte ich den Fluss entlang. Das noch junge Aufforstungsprogramm hat eine lichtes Wäldchen auf der einen Seite geschaffen, unterbrochen von allerlei Plätzen mit Bänken und kleinen Pagoden. Hier lassen die Chinesen die Seele baumeln, frönen ihren Hobbys und zeigen sich sportlich.
Vor allem morgens, ist der Park der sportliche Hotspot der Umgebung. Vor allem ältere Chinesen treffen sich in richtig großen Gruppen, bringen Ghettoblaster oder gleich ihre eigene Musikanten mit und üben traditionelle Tänze mit großen Fächern oder Tüchern. Mit winzigen Trippelschritten und wunderschönen geschmeidigen Bewegungen sieht allein das Aufwärmen wie eine Vorführung aus. Alternativ wird Federball oder Indiaka gespielt. Scheinbar uralte Männer im alten und grundsätzlich nicht passenden Maoanzug springen auf dem Feld hin und her. Wer keine Lust auf Gruppenaktivität hat, sucht sich ein ruhiges Plätzchen und konzentriert sich auf Tai Qi, Yoga oder andere Kampfsportübungen. Auch hier überrascht mich die Beweglichkeit und Spannung der alten Herrschaften die plötzlich aus der Konzentration aufspringen und Kicks in die Luft machen. Ich jogge weiter. Passiere Chöre, Musikanten oder rezitierende Poeten. Besonders lustig ist auch der Kinderwagentreff. Bestimmt 50 Kinderwägen stehen auf diesem Platz kreuz und quer durcheinander. Die Kinder rennen dazwischen. Die Großmütter hinterher. Andere haben aufgegeben und halten ein Schläfchen. Wildes Geschrei. Streit um ein Spielzeug. Freude über die süße Bestechung. Manches ist überall auf der Welt gleich. Nur das Ausmaß ist variabel.
Habe ich diesen Hindernislauf geschafft kommt ein ruhiger Abschnitt. Total in Mode ist es, sein Handy laute Musik spielen zu lassen. Egal, ob es der Geschmack der anderen ist oder nicht. Von wegen die Chinesen sind so zurückhaltend um ihre Mitmenschen nicht zu stören. Die anderen dürfen sich halt nicht stören lassen! Tun sie auch nicht. Ein Schläfchen in der Sonne hat noch keinem geschadet. Das denke auch ich mir und lasse mich auf einem Mäuerchen nieder um eine der Tanzgruppen zu beobachten. Nur wenige Minuten später stupft mich eine urururalte Chinesin an. Sie geht mir nur bis zur Schulter, hat schneeweißes Haar und keinen einzigen Zahn mehr. Sie redet wild auf mich ein. Sobald sie merkt, dass ich sie nicht verstehe, spricht sie langsamer, haut mir auf mein Hinterteil, ich soll aufstehen. Deutet auf meine Blase und stöhnt gequält auf. Spricht von krank und kalt (mehr verstehe ich leider nicht). Da hatte sie wohl das Bedürfnis mich vor einer Blasenentzündung zu bewahren. Also Pause vorbei. Sie freut sich.
Geht man am Wochenende, kann man viele Hochzeitspaare beobachten, die sich fotografieren lassen. Das Hochzeitsfoto ist hier nämlich essentieller und unglaublich wichtiger Bestandteil einer Hochzeit. Es gibt eigene Agenturen, mit denen man Wochen vor der Hochzeit anfängt zu shooten. Dann sind da professionelle Fotografen, Licht und Hintergrundverantwortliche und eine Horde Stylisten. Das Kleid wird mindestens 4-5 mal gewechselt (alle geliehen). Traditionell trägt die Braut hier rot. Die Glücksfarbe. Aber viele Paare möchten auch ein schönes westliches Foto in schneeweiß. Die Kleider sind zwar schön, aber wie bei so vielem von allem ein bisschen zu viel. Zu viel Tüll. Zu viel Glitzer. Zu viel Stoff. Zu viel Schminke. Zu viel Blingbling. Zu gestellt. Aber sie freuen sich.
Das ist also mein neuer Lieblingsplatz. Hier kann man zur Ruhe kommen, den Gedanken freien Lauf lassen. Die Muse zum Schreiben wiederfinden  hab euch lieb <3

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