Donnerstag, 17. Oktober 2013

Morgens halb 10 in Peking

Einer meiner Lieblingszeiten hier in Peking ist der Morgen. Wenn der erste Sturm an hektischen Geschäftsmännern und –Frauen durch die U-Bahn geschleust wurde und der Verkehr sich langsam wieder normalisiert und der Smog sich noch nicht wie eine Glocke über die Straßen stülpt, kann man wunderbar Menschen und deren Alltag beobachten. Geht man durch die Straßen, bemerkt man schnell die vielen Tanzformationen in Uniform vor den Geschäften. Schaut man näher hin, erkennt man, dass dies die Belegschaften von Frisörsalons, Boutiquen oder sogar Immobilienagenturen sind, die hier jeden Morgen kollektiv motiviert werden. Musik tönt aus einem Lautsprecher, einer tanzt vor und schreit Parolen zu, welche im Chor beantwortet werden. Stellt euch 20 erwachsene Menschen in Anzug und Kostüm vor, die zu Popmusik das Fliegerlied oder das Rote Pferd tanzen. Genauso sieht das aus! Ob es wirkt? Keine Ahnung…
Geht man weiter, den Bürgersteig entlang, fühlt man sich beinahe einsam, da keine hunderttausend Menschen sich die 2 m Fußweg mit dir teilen möchten. Stattdessen sieht man viele Großeltern, die ihre Enkel in den Kindergarten oder zur Schule bringen. Diese Beziehung ist eine ganz besondere, über die ich bald noch berichten möchte. Die Kids trödeln, die Omas und Opas unterhalten sich…das hohe Tempo der Stadt scheint hier die Zeitlupe einzuschalten.
In der U-Bahn fühlt man sich dann aber auch wieder ein bisschen allein. Man geht einfach so durch das Drehkreuz, zur Bahn, durch die Tür, setzt sich auf einen der zahlreichen freien Plätze, hat Luft zum Atmen. Und das alles ohne Stress. Ohne Ellenbogen im Rücken und Absätze auf den Zehen. Als ich zum ersten Mal um diese Uhrzeit unterwegs war, fragte ich mich, ob Krieg ausgebrochen sei und nur ich es nicht mitbekommen hätte. Die Menschen scheinen von den Wolkenkratzern und Glasfassaden verschluckt zu sein. Aber schnell gewöhnt man sich an die Ruhe und den ganz eigenen Quadratmeter und das Quäntchen eigene Luft und sieht die Stadt aus einer ganz anderen Perspektive. Was bleibt ist Gelassenheit. Ob die aus Zufriedenheit gespeist wird oder aus Resignation weiß ich nicht. Resignation, dass ihre Existenz in dieser Stadt, in diesem Land, in diesem System nur wenig ausmacht, dass sie dem Gutdünken einer höheren Macht, wie sie auch aussehen mag, unterworfen sind, Zufriedenheit aber dass sie aber in dieser Lebenswelt ihren Platz gefunden haben, an dem niemand etwas von ihnen will und sie auch nichts zu befürchten (oder erwarten) zu haben. Als kleines Rädchen kann man sich entweder unterworfen, unfrei, begrenzt oder gar gefangen fühlen. Ich sehe hier, viele Menschen fühlen sich sicher, bequem, arrangieren sich. Glauben fest an die Idee des Teams, das zusammen immer stärker ist. In dem jeder seinen Platz aber damit auch seine Verpflichtung hat. Diese Idee lässt sich von der Lehre des Konfuzius ableiten, der zwar schon vor über 2000 Jahren gelebt hat, aber dessen Gedanken hier immer noch Kultur und Menschen stark prägen. Die soziale Ordnung und Hierarchie wird über das Individuum gestellt. Dafür kann, soll und muss man sich selbst zurück nehmen. Darüber hinaus wird die Autorität, sei es der Kaiser, König, die Regierung, der Vorgesetzte oder auch der Vater niemals in Frage gestellt. Jeder hat seinen Platz. Damit sein Recht. Damit seine Grenzen. Und das alles um halb 10 in der Pekinger U-Bahn.

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